Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt (Markus 9, Vers 23)

Am 02.02.2007 reiste eine kleine Delegation aus Behlendorf bei grau kaltem Wetter in das Benediktiner-Kloster Maria Laach. Pro Jahr werden dort ca. 100 Glocken hergestellt. Dies sind ca. 10 Prozent der gesamtdeutschen Produktion.  Wir wollten Augenzeuge sein, wenn die dritte Behlendorfer Glocke gegossen wird. Hier sollte also unsere Glocke entstehen? Ein großer Schuppen, ringsherum Lehmhaufen, ein Lager von schon fertigen Glocken, Zinn „Made in Thailand“, Briketts zum Anfeuern, Pferdemist und Paletten. Sehr unspektakulär. Von „unserer“ Glocke nichts zu sehen – die Gußform war bereits „fest gemauert in der Erden“, wie es bei Schiller heißt. Wer sich schon immer mal gefragt hat, was diese Zeile bedeutet: Beim Gießen entsteht ein ungeheurer Druck, es kann zu Explosionen kommen, wenn der Boden um die Gußform nicht ausreichend verfestigt ist. Nur zwei kleine gemauerte Einfüllstutzen für die Bronze ragten aus dem Boden hervor. Aus einem großen Kessel zischten, glühten und sprühten vielversprechend grün goldene Flammen und Funken.

Bruder Michael in feuerabweisender, schwerer Arbeitsmontur verstand es mit sachkundigen, interessanten Erklärungen die anwesenden Gäste in seinen Bann zu ziehen, bis die Bronze die benötigte Temperatur von 1.150 Grad erreicht hatte. Er kennt sich aus: „Die Schwierigkeit des Gusses wird bestimmt durch die Oberfläche und das Klangbild der Glocke“ erklärte er. Schon eine Abweichung der Gussform um einen Millimeter könne später zu einem Klangfehler von einem halben Ton führen. Das verwendete Material ist eine Bronze-legierung und besteht aus 78 Teilen Bronze und 22 Teilen Zinn. „Es dauert zweieinhalb Stunden, bis das flüssige Metall heiß genug ist“, erklärt der Kunsthandwerker. Bei den verwendeten Materialien und bei der Herstellung hat sich seit dem 14. Jahrhundert nicht viel verändert: zuerst wird eine innere Form von Ziegelsteinen und Lehm hergestellt. Auch Strohhäcksel mit Pferdemist kommen zum Einsatz. Darüber wird ein Modell aus Lehm gelegt. Dieses ist die sog. falsche Glocke, das die spätere Glocke aus Metall genau widerspiegelt. Sie trägt auch schon die Beschriftung und die Ornamente, die in Wachs modelliert sind (das Siegel der Kirchengemeinde Nusse-Behlendorf und den Vers: Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt (aus Markus 9, Vers 23), die Namen der Hauptverantwortlichen für das „Behlendorfer Glockenjahr 2004“ und natürlich das Jahr der Herstellung mit dem Zeichen von der Kunstwerkstatt in Maria Laach). Im nächsten Schritt wird der Mantel aus weiteren Lehmschichten aufgetragen. Dann wird die Form ausgebrannt: Das Wachs schmilzt. Es hat sich vorher als Negativ in den Mantel abgedrückt. Nun kann der Mantel von der Form abgehoben werden. Die falsche Glocke wird zerschlagen und der Mantel wieder auf die innere Ziegelform aufgesetzt. Durch den Hohlraum kann nun das flüssige Metall fließen.

Doch zuvor sprach Pastor Reimer feierlich ein Gebet und alle fielen beim Vaterunser mit ein. Ein bewegender, spannender Moment und dann schaufelten Bruder Michael und zwei Gehilfen die glühende Bronze mit langstieligen Kellen in die Stutzen.

„Gott sei Dank ist alles gut gegangen, wir hatten keine Explosion“, kommentierte Bruder Michael erleichtert. Denn Glockengießen sei der Umgang mit den Naturgewalten, und schon eine kleine Unvorsichtigkeit könne schlimme Folgen haben. „Der Glockengießer stirbt bei dem komplizierten Vorgang gleich einen dreifachen Tod“, sagte Bruder Michael schmunzelnd. Erstens die Angst, ob die Form halte, zweitens die Furcht vorm Zerbrechen beim Aufschlagen des Mantels und schließlich die Ungewissheit beim ersten Anschlag, ob der Ton des neuen Instrumentes stimme. „Was für Jahrhunderte halten soll, kann nicht mal schnell industriell produziert werden.“ Echte Handwerkskunst durften wir erleben. Seit etwa 10 Jahren gibt es nach Ansicht von Bruder Michael ein wachsendes Interesse an Glocken. Die Kirchengemeinden müssen entweder alte Glocken ersetzen oder möchten wieder das volle Geläut vom Kirchenturm erklingen lassen. Die Behlendorfer folgen diesem Beispiel, denn nach dem Krieg wurden auch bei uns nur zwei Glocken wieder angebracht. Nun aber können wir uns auf das Drei-Glocken-Geläut freuen! Zum Abschluss der imposanten Prozedur stimmten wir den Choral „Großer Gott, wie loben Dich“ an. Ein ergreifender Augenblick und ein denkwürdiges und unvergleichliches Ereignis durften wir erleben!
Bevor wir gingen, stöberten wir noch im Kunsthandwerkerladen des großartigen Klostergeländes umher und entdeckten eine kleine Skulptur mit drei Figuren, die sich schwer in Seile stemmen, um einen überdimensionierten, viel zu schweren Betonblock zu bewegen. Das Kunstwerk von Luise Kött-Gärtner war betitelt mit dem Spruch:

 

„An einem Strang ziehen“ und ist im Jahr 2004 gefertigt

( genau unter diesem Motto  hatten auch wir im Jahre 2004 angefangen, Gelder für das beschädigte Geläut zu sammeln). Ein Symbol, das wir gleich gekauft haben und das nun einen Platz in unserer Kirche finden soll. Schnellstmöglich werden die Behlendorfer die neue Glocke (Tonart „H“) im Zusammenspiel mit den beiden anderen erstmals hören können. Zuvor sei noch ihr Gewicht verraten (180 kg) und ihre Größe (60 cm). Die genauen Bemessungen und der Ton wurden bereits im letzten Jahr von dem Glockensachverständigen des Lübecker Kirchenkreises genau festgelegt. Ein großer Dank an alle Spender, die diesen Glockenguß ermöglicht haben.